Führung im Zeitalter von KI
Wir befinden uns in der Frühphase des Zeitalters der KI. Auch wenn uns das Thema schon seit rund vier Jahren bewegt und schon seit noch längerer zeit die Wissenschaft bewegt hat, begreifen die meisten von uns noch nicht wirklich, wie weitreichende Entwicklungen noch vor uns sind. Die Reaktionen sind unglaublich unterschiedlich: sie reichen von Verbot des Einsatzes von KI bis hin zur Pflicht, KI einzusetzen. Der Ruf nach Regulierung wird ebenso laut wie die Warnung davor, diese Technologie durch Regulierung im einen Teil der Welt zu strangulieren, während in anderen Teilen der Welt ungehemmt am technologischen Vorsprung gearbeitet wird.
Vielerorts scheint mir heute die wichtigste Frage zu sein: „Wird KI auch meinen Job beeinflussen?“ Oder: „Wird auch mein Job der KI zum Opfer fallen?“
Diese Fragen sind sicherlich berechtigt. Sind sie aber auch die richtigen?
„Wie schnell wird KI in der Lage sein, meinen Job zu machen?“ wäre vielleicht die bessere Frage.
Noch besser ist freilich: „Welche Teile meines Jobs kann KI bereits heute besser und wenn ich diese Aufgaben nicht selbst erledigen muss, was mache ich dann mit der Zeit, die frei wird?“
Das umfasst auch zugleich eine der wichtigsten Fragen, die ich mir immer wieder stellen muss: „Was sind meine Aufgaben, die den meisten Mehrwert für das Unternehmen generieren?“
Und weil mein Thema „Führung“ ist, betone ich es hier ganz besonders: gerade Führungskräfte haben sich diesen Fragen zu stellen! Denn auch für die Übernahme von Führungsaufgaben gibt es schon entsprechende KI- Lösungen. Arbeitet also die Führungskraft von morgen freiwillig 24/7, fährt kein Dienstauto mehr, braucht kein aufwendiges Büro, erhält keinen Bonus mehr und ist weltweit präsent, ganz ohne teure Reisespesen?
Wenn KI künftig einen Teil dessen übernimmt, was Führungskräfte heute tun – worin besteht dann der besondere Mehrwert menschlicher Führung?
Das ist vielleicht die wichtigste Frage, die sich Führungskräfte stellen sollten.
Eine andere Frage drängt sich auch auf: Ist KI vielleicht die bessere Führungskraft?
Immer wieder hören wir von schweren Verfehlungen von Top Führungskräften. Von unerlaubten Preisabsprachen, Korruption, Nepotismus, Insidergeschäften, bis hin zur Misshandlung ist die Liste moralischer Verfehlungen lange.
Eine Führungskraft mit einem starken Wertesystem wird solchen Versuchungen nicht – oder zumindest weniger leicht – verfallen.
Aber auch die KI hat schon ihre Schattenseiten gezeigt. KI, die sich selbstständig macht und die Webseiten von Unternehmen hackt, ist sicherlich auch zu anderen Übeltaten in der Lage.
Könnten klare Werte und Grenzen auch bei KI dazu beitragen, dass sie bestimmte Entscheidungen nicht trifft oder bestimmte Handlungen nicht ausführt?
Eine Gesellschaft ohne Werte kann auf Dauer kaum funktionieren. Warum sollte es bei Systemen anders sein, denen wir zunehmend Entscheidungen überlassen?
Aber damit beginnt für mich erst die wirklich schwierige Diskussion: Wenn KI ein Wertesystem erhalten soll – wer bestimmt dann, welches?
Die Entwickler? Unternehmen? Staaten? Die Gesellschaft? Und gelten überall auf der Welt dieselben Werte?
Vielleicht ist die Frage also nicht nur, wie intelligent KI werden darf.
Vielleicht müssen wir mindestens ebenso intensiv darüber sprechen, an welchen Werten sie sich orientieren soll.
Eines scheint mir klar: Die Beschäftigung mit diesen Fragen und mit dem Thema KI ist für Führungskräfte Pflicht und nicht Kür. Jetzt.